1. Die Epidemiologie älterer Krebspatienten in Tirol

Geriatrische Karzinome

1. Die Epidemiologie älterer Krebspatienten in Tirol

FACTBOX

  • Krebserkrankungen bei Älteren sind in Tirol häufig. Ein Großteil der Krebspatienten, die sterben, gehören der Gruppe der Älteren an.
  • Die Verteilung und die Prognose der verschiedenen Tumoren ist zwischen älteren und jüngeren Patienten unterschiedlich.
  • Beim älteren Krebspatienten sind die altersbezogene Lebenserwartung und das relatives Überleben (nach 1 bzw. 5 Jahren) in der Therapieplanung und im Verlauf zu berücksichtigen.

1.1 Einleitung

In Tirol sind etwa 40% der neudiagnostizierten Krebspatienten älter als 70 Jahre. Dieser beträchtliche Anteil und die ständige Zunahme an älteren Menschen in Tirol belegen die besondere Bedeutung der geriatrischen Onkologie. Der hohe Anteil betagter Tumorpatienten hängt auch mit der Verbesserung der Lebenserwartung zusammen: derzeit liegt die Lebens­erwartung ab der Geburt in Tirol bei 84,0 (Frauen) und 79,1 Jahren (Männer). Die fernere Lebenserwartung für Siebzigjährige beträgt 17,3 und 14,6 Jahre und für Achtzigjährige 9,5 und 7,9 Jahre, jeweils bei Frauen und Männern. Unter diesen Gesichtspunkten kommt den Überlebensraten eine besondere Rolle zu. Berücksichtigt man Unterschiede in der Grundmortalität der verschiedenen Altersgruppen durch Verwendung des Konzepts der relativen
Über lebensraten, dann ist festzustellen, dass ältere KrebspatientInnen schlechtere relative Überlebensraten haben als jüngere PatientInnen. Daten der großen EUROCARE Datenbank haben kürzlich gezeigt, dass ältere PatientInnen weniger von der Verbesserung der Überlebensraten in den 1990er Jahren profitiert haben als jüngere KrebspatientInnen(1. Die Zunahme der Unterschiede zwischen Jüngeren und Älteren in dieser Studie legen dementsprechende Analysen auch in Tirol nahe. Auch Alter und Geschlecht spielen eine große Rolle bei der Prognose von KrebspatientInnen. Basierend auf den Daten der Tiroler KrebspatientInnen konnte gezeigt werden, dass jüngere Frauen mit Krebs ein besseres Überleben aufweisen als jüngere Männer, ab dem Alter 80 dreht sich dieser Vorteil um zu Gunsten der Männer(2.

Generell gilt festzuhalten, dass die Besonderheiten der älteren KrebspatientInnen in der epidemiologischen Beschreibung besondere methodische Herausforderungen stellen, man denke nur zum Beispiel an die Berücksichtigung der Unterschiede zwischen chronologischem und biologischem Alter. Wir beschreiben im Folgenden einige wichtige Kennzahlen von älteren KrebspatientInnen in Tirol, nämlich die prozentuellen Anteile der PatientInnen älter als 70 (70+) bzw. 80 Jahre (80+), die Häufigkeit der Krebssubtypen bei jüngeren und älteren KrebspatientInnen sowie die relativen Fünfjahresüberlebensraten nach Altersgruppen.

1.2 Material und Methoden

Basis der Analysen waren die Inzidenzdaten des Tumorregisters Tirol bis zum Diagnosejahr 2008 und die Mortalitätsdaten der Statistik Austria bis zum Todesjahr 2008, eingeschränkt auf das Wohnbundesland Tirol. Die Berechnung der altersspezifischen Raten basiert auf den offiziellen Bevölkerungsdaten für Tirol, die ebenfalls von der Statistik Austria zur Verfügung gestellt werden. Für die Berechnung der Überlebensraten wird der Todesstatus der PatientInnen durch Verknüpfung mit den offiziellen Todesdaten ermittelt, das Verfahren wurde evaluiert und die Qualität als sehr gut eingestuft(3.

1.3 Resultate

1.3.1 Krebserkrankungen sind im Alter in Tirol häufig und von großer klinischer und gesundheitspolitischer Relevanz

Für alle Krebserkrankungen zusammengefasst haben PatientInnen älter als 70 Jahre zum Zeitpunkt der Diagnose einen Anteil von 42% bei den Frauen und 39% bei den Männern. 20% der weiblichen und 12% der männlichen Patienten sind bei der Diagnose sogar älter als 80 Jahre (Details siehe Tabelle 1). Besonders hoch ist der Anteil der älteren PatientInnen beim Magenkarzinom (67% / 57%), beim kolorektalen Karzinom (58% / 49%), beim Leberkarzinom (66% / 44%) und beim Pankreaskarzinom (70% / 54%) (Frauen bzw. Männer). Bei diesen Krebslokalisationen ist auch der Anteil der PatientInnen älter als 80 Jahre besonders hoch, nämlich 30% bei den Frauen und über 17% bei den Männern. Generell fällt auf, dass der Anteil der älteren PatientInnen bei vielen Krebslokalisationen bei den Frauen deutlich größer ist als bei den Männern. Betrachtet man die Anteile der älteren Krebs patientInnen zum Zeitpunkt des Todes, so liegen diese bei allen Krebserkrankungen zusammengefasst bei 65% (Frauen) und 58% (Männer); 41% der weiblichen und 27% der männlichen Krebsfälle sind älter als 80 Jahre (Details siehe Tabelle 2).

1.3.2 Verteilung der Krebsarten

Für alle Altersgruppen zusammengefasst hat bei den Frauen den höchsten Anteil das Mammakarzinom (27%), gefolgt vom kolorektalen Karzinom (12%), vom Melanom und Lungenkarzinom (jeweils 8%) sowie den bösartigen. Neubildungen des Blut­ und Lymphsystems (7%) (siehe Abb. 2 und 4). Die Reihen folge der häufigsten Krebserkrankungen unterscheidet sich bei den Patientinnen nur wenig nach Altersgruppen, in allen drei betrachteten Altersgruppen ist die häufigste Krebslokalisation das Mammakarzinom, bei den jüngeren Patientinnen liegt das Melanom an zweiter Stelle, bei den älteren Patientinnen das kolorektale Karzinom, siehe Abbildung 2

Bei den Männern ist die häufigste Krebserkrankung das Prostatakarzinom mit 27% gefolgt von Lungenkarzinom (13%), kolorektalem Karzinom (12%), bösartigen Neubildungen im Blut­ und Lymphsystem (8%) und Melanom (7%). Bis zum Alter von 80 ist die häufigste Krebslokalisation bei den Männern das Prostatakarzinom, gefolgt von Lungenkarzinom und kolorektalem Karzinom, siehe Abbildung 2.

1.3.3 Überlebensraten

Jetzt wollen wir uns noch der besonders wichtigen Frage der Überlebensraten zuwenden. In Tabelle 3 sind die relativen Überlebensraten dargestellt. Für alle Krebserkrankungen zusammengefasst ist die Fünfjahresüberlebensrate bei den Frauen für die Altersgruppe bis 69 Jahre bei 76%, bei den älteren Patientinnen deutlich niedriger bei 50% und bei den Patientinnen ab 80 Jahren bei 41%. Dabei ist zu berücksichtigen, dass beim Konzept des relativen Überlebens die unterschiedliche Grundmortalität der drei Alters­ gruppen schon rechnerisch berücksichtigt ist. Damit kann die Überlebensrate interpretiert werden als dasjenige Überleben, das durch die Krebserkrankung verursacht wird. Ähnlich ist das Bild bei den männlichen Patienten mit einem Fünfjahresüberleben von 72% bis Alter 69, 57% bei den älteren Patienten und 45% bei den Patienten ab Alter 80. Die Überlebensraten für alle Krebslokalastionen mit dem 95%­Konfidenzintervall sind in Tabelle 3 beschrieben. Die Unterschiede im relativen Überleben nach Altersgruppen sind nicht bei allen Krebserkrankungen so ausgeprägt. So sind zum Beispiel die Fünfjahresüberlebensraten bei den Frauen mit Magenkarzinom bei 38% / 32% / 27%, mit Mammakarzinom bei 89% / 83% / 80%, jeweils für die Altersgruppen bis 69, ab 70 und ab 80 Jahren. Beim häufigen kolorektalen Karzinom liegen die Fünfjahresüberlebensraten hingegen bei den Frauen bei 79% / 56% / 51% und bei den Männern bei 68%, 62% und 52%. Diese Daten sind konsistent mit der Analyse von Quaglia et al. basierend auf dem EUROCARE­-Datensatz(1.

Ein zentraler Schwerpunkt zukünftiger statistischer Analysen wird es sein das ungünstigere relative Überleben Älterer zu analysieren, um mögliche Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigen zu können. Gründe für die Unter­schiede zwischen den Altersgruppen könnten in Unterschieden im Screening und im diagnostischen Procedere, in der Stadienverteilung oder in der Wahl der Therapieform und im Ansprechen auf die jeweilige Therapie liegen. Para­meter wie die Komorbiditäten, funktionale Aktivitäten, die soziale Versor gung und Genderaspekte sollten in die Datenerfassung und Analyse von klinischen Studien und Tumorregistern aufgenommen werden 5,6. In Forschungsprojekten wird zudem an Modellen zur Definition und Erfassung des biologischen Alter gearbeitet.

1.4 Literatur

  1. Quaglia A, Tavilla A, Shack L, Brenner H, Janssen­Heijnen M, Allemani C, et al. The cancer survival gap between elderly and middle­aged patients in Europe is widening. Eur J Cancer. 2009 Apr;45(6):1006­16.
  2. Oberaigner W, Siebert U. Do women with cancer have better survival as compared to men after adjusting for staging distribution? Eur J Public Health. 2011 Jun;21(3):387­91.
  3. Oberaigner W, Siebert U. Are survival rates for Tyrol published in the Eurocare studies biased? Acta Oncol. 2009:1­8.
  4. Oberaigner W, Mühlböck H, Harrasser L. Tumorregister Tirol Bericht für das Diagnosejahr 2008. Innsbruck: IET Bericht; 2010.
  5. ESMO Handbook – Cancer in the Senior Patient. Eds: Schrijvers DD, Aapro M, Zakotnik B, Audisio R, van Halteren H, Hurria A. Informa Healthcare 2010, ISBN: 9781841847092.
  6. Valentiny C., Kemmler G., Stauder R. Age, sex and gender impact multi­dimensional geriatric assessment in elderly cancer patients. Journal of Geriatric Oncology, 2012, 3:17­23.